Schwärmen
alle Dichter mit der Natur? Wenn man die Zahl der Naturgedichte in Anthologien betrachtet
oder an die Landschaftsbeschreibungen in Romanen denkt – erinnern Sie sich an die Seiten,
die Sie als junger Leser oft schnell umschlugen – gibt es literarische Idyllen im
Überfluss. Die Kniefälle großer Dichter sind überdeutlich. Vondel: 'Het schone van
natuur overtreft toch alle kunst.' ['Das Schöne der Natur übertrifft doch alle Kunst.']
Shakespeare: 'Thou, nature, art my goddess'. Und Goethe: 'Wie herrlich leuchtet mir die
Natur!' Die Natur war jahrhundertelang die literarische Inspirationsquelle wie keine
andere. Der Minnesänger sang zwischen den Blumen und versuchte, dem Gesang der Vögel um
ihn herum nachzueifern. Nicht umsonst begann er mit einem 'Natureingang'. Für die
Romantiker wurde die Natur zur Zufluchtsstätte, wo sie sinnieren und Trost finden
konnten, weitab von der verdorbenen Kultur. Die Landschaft wurde zum Spiegel ihrer Seele.
Der flämische Dichter Guido Gezelle - Romantiker auch, aber zugleich ein ins 19.
Jahrhundert verirrter mittelalterlicher Mensch - sah in der Natur die Offenbarung Gottes.
Und in der symbolistischen Literatur und der naturmagischen Dichtung des 20. Jahrhunderts
versuchte der Dichter die Zeichen zu deuten, die er im geheimnisvollen Buch der Natur
vorfand.
Für jemand wie Goethe gab es keine Kluft zwischen Naturschönem und Kunst. 'Wem die
Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche
Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.' (Maximen und Reflexionen,
1812) Das Naturschöne war der Gradmesser von Schönheit tout court und die Natur
galt sogar lange Zeit als Garant für Recht und Ordnung ('Naturrecht').
Inzwischen hat sich die Natur - trotz der Tatsache, dass sie immer mehr ausgebeutet wird -
in unserer Kollektivvorstellung fast zur heiligen Kuh entwickelt. Werbeleute,
Umweltschützer und Politiker – bien étonnés de se trouver ensemble – erweisen ihr
dauernd ihren Respekt, oder ist es nur ein Lippenbekenntnis? Als der berühmte postmoderne
Architekt Mario Botta vor kurzem in einem Interview erwähnte: 'Um Architektur zu machen,
muss ich die Natur töten', erregte er große Empörung. 'Was früher Liebe zu Gott war',
schreibt der niederländische Kulturphilosoph Ton Lemaire, 'ist jetzt Liebe zur Natur
geworden.' Einstimmigkeit also, naturgemäß sozusagen? Die Literatur wäre nicht
Literatur, wenn auch keine abweichenden Stimmen geklungen hätten und auch jetzt klingen:
Antinaturgefühle oder jedenfalls relativierende Äußerungen gegenüber dem, worüber man
ganz einer Meinung zu sein scheint. Ich lasse einige Revue passieren, ohne
Vollständigkeit nachzustreben.
Zwei Ansichten
Nietzsche, der Denker, der so viele westliche Werte und Abgötter
zertrümmert hat, gibt auch der Natur einen Hammerschlag. Im fünften Buch der Morgenröte
(1881) beschwört er zuerst ein Naturerlebnis herauf, das unmittelbar aus der
Romantik herzukommen scheint:
"Hier ist das Meer, hier können wir die Stadt vergessen. [...] Jetzt schweigt
alles! Das Meer liegt bleich und glänzend da, es kann nicht reden. Der Himmel spielt sein
ewiges stummes Abendspiel mit roten, gelben, grünen Farben, er kann nicht reden. Die
kleinen Klippen und Felsenbänder, welche ins Meer hineinlaufen, wie um den Ort zu finden,
wo es am einsamsten ist, sie können alle nicht reden. Diese ungeheure Stummheit, die uns
plötzlich überfällt, ist schön und grausenhaft, das Herz schwillt dabei.-"
Dann kommt die Wende:
"O der Gleißerei dieser stummen Schönheit! Wie gut könnte sie reden, und wie
böse auch, wenn sie wollte! Ihre gebundene Zunge und ihr leidendes Glück im Antlitz ist
eine Tücke, um über dein Mitgefühl zu spotten! [...] Aber ich bemitleide dich, Natur,
weil du schweigen musst, auch wenn es nur deine Bosheit ist, die dir die Zunge bindet; ja,
ich bemitleide dich um deiner Bosheit willen!"
Die Natur beeindruckt den Menschen so, dass sie ihn dazu anregt, auch zu schweigen und an
sich selbst zu zweifeln.
O Meer! O Abend! Ihr seid schlimme Lehrmeister! Ihr lehrt den Menschen aufhören,
Mensch zu sein! Soll er sich euch hingeben? Soll er werden, wie ihr es jetzt seid, bleich,
glänzend, stumm, ungeheuer, über sich selber ruhend? Über sich selber erhaben?
Nietzsche ergreift Partei für den Menschen, der sich durch seine Verehrung der Natur
nicht schwächen lassen darf. Die Natur verführt zu Passivität, hält den Menschen unter
dem Daumen. Der niederländische Dichter J.C. Bloem, einfach glücklich in der
Dapperstraat (= Tapferstraße – ein Name, der Nietzsche wohl gefallen hätte), fasst diese
Gefahr in seiner berühmten Verszeile zusammen: 'Natur ist für Zufriedene oder Leere'.

Der Philosoph mit dem Hammer hat mit seiner Kritik am romantischen Naturerleben einen
sanften Vorläufer im aufgeklärten Romantiker Heinrich Heine. Das Besingen der Natur
– dem er sich auch noch unproblematisch gewidmet hat – weicht bei ihm einem kritischen
Kommentar zu der Art und Weise, wie Menschen mit ihr umgehen. In seinem Buch der
Lieder (1827) beschreibt er, wie ein junger Mann vom wüsten nächtlichen Meer
Antwort erwartet auf dessen Fragen nach der Herkunft und Bestimmung des Menschen, nach dem
Sinn der Welt. Die Natur aber schweigt.
Es murmeln die Wogen ihr ew'ges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.
Eine junge Dame, die sich von ihrem Gefühl mitreißen lässt und den Sonnenuntergang
etwas zu absolut auffasst, bekommt zu hören, sie soll sich keine Sorgen machen
Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.
Ach Fräulein, seien Sie munter
Das ist ein altes Stück
Dort vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.
(Neue Gedichte, 1844)
Die Erklärung erinnert an die mechanistischen Auffassungen der Natur, die seit ein paar
Jahrhunderten in der Wissenschaft und Philosophie Anklang finden. Heine holt hier die
Spaltung zwischen der wahren (wissenschaftlich erklärbaren) und der schönen (ästhetisch
genießbaren) Natur ins Gedicht hinein. Seine ehrfurchtslose Reaktion erinnert an die noch
viel respektlosere Haltung, die Francis Bacon, der Grundleger der Wissenschaft in der
Neuzeit, angesichts der Natur einnahm: 'Wir müssen die Natur foltern, um ihr so ihre
Geheimnisse abzulisten'. Heines Haltung bildet einstweilen noch eine Ausnahme. Die
Literatur wird sich lange Zeit dumm stellen und in ihrer Schwärmerei mit der Natur die
fortschreitende Entzauberung durch Wissenschaft und Industrie negieren. Fünfzig Jahre
später versucht Guido Gezelle noch, die Natur des Verstands und die des Gemüts zu
versöhnen:
Die Sonne geht auf,
die Sonne geht nieder,
die Sonne geht auf
und geht unter;
beharrlich hin,
beharrlich wieder,
beharrlich wirkt
sie das Wunder.
(Reimschnur)
Bleiben wir aber noch kurz bei Heine. Er prangert nicht nur den Wunsch an, von der Natur
Einsicht in die Lebensrätsel zu bekommen, sondern auch das eigene romantische Bedürfnis,
bei ihr Trost zu suchen, wenn man traurig ist.
Und wüssten's die Blumen, die kleinen
Wie tief verwundet mein Herz,
Sie würden mit mir weinen,
Zu heilen meinen Schmerz.
(Buch der Lieder)
Das gleiche gilt für die Nachtigallen und die Sterne, jeweils im Irrealis. 'Die alle
können's nicht wissen'. Mensch, so scheint Heine zu sagen, mach dir keine Illusionen.
Projiziere deine Trauer nicht in die Natur, denn sie versteht nicht das geringste davon.
Die ewige alte Nörglerin
Der Großstädter Charles Baudelaire macht keinen Hehl daraus, dass er eine ausgesprochene
Abkehr von der Natur hat. Seine Haltung ist viel revoltierender
als die Heines: Baudelaire ist der moderne Prometheus. Im bekannten Gedicht Correspondances
entfernt sich der Geist schon von der realen Natur. Baudelaire sieht die Natur als einen
Tempel mit beseelten Säulen, einen Wald von Symbolen, der sich für seine Seele in
Gerüche, Farben und Klänge auflöst. In Obsession hört er die Natur, anders
als Nietzsche, reden: Wälder kreischen wie Orgeln, der Ozean (doch noch großgeschrieben)
schallt. Was stellt sich aber heraus? Jene Klänge und Mitteilungen sind seinem Herzen,
seinem Auge entsprossen. Baudelaire hat durchschaut, dass wenn der Mensch die Natur hört,
er eigener Projektion erliegt: Die Dinge außer uns sind objektivierte und gleichsam
geronnene Gedanken und Emotionen.
Im Gedicht Paysage hat der Dichter anscheinend noch einigermaßen einen Blick
für das Naturschöne, aber schon rasch kehrt er sich ab:
Je verrai les printemps, les étés, les automnes;
Et quand viendra l'hiver aux neiges monotones,
Je fermerai partout portes et volets
Pour bâtir dans la nuit mes féeriques palais.
(Les Fleurs du Mal, 1857)
Wenn Baudelaire die vage, stumme und ungeordnete Eintönigkeit einer Landschaft betrachten
muss, so schreibt Sartre in seiner Monographie über den Dichter, überkommen ihn Abkehr
und Langeweile.
"Vous me demandez des vers pour votre petit volume, des vers sur la nature,
n'est-ce pas? sur les bois, les grands chênes, la verdure, les insectes - le soleil sans
doute? Mais vous savez bien que je suis incapable de m'attendrir sur les végétaux, et
que mon âme est rebelle à cette singulière religion nouvelle qui aura toujours, ce me
semble, pour tout être spirituel, je ne sais quoi de shocking. Je ne croirai
jamais que l'âme des Dieux habite dans les plantes, et quand même elle y
habiterait je m'en soucierais médiocrement et considérerais la mienne comme d'un bien
plus haut prix que celle des légumes sanctifiés.
(Brief an F. Desnoyers, 1855)
Baudelaire sagte nein zum Natürlichen in ihm und ließ sich – o Provokation – die Haare
grün färben. In einem seiner Prosagedichte aus Le Spleen de Paris (1869)
schreibt er offen:
"Cette ville est au bord de l'eau; on dit qu'elle est bâtie en marbre, et que le
peuple y a une telle haine du végétal, qu'il arrache tous les arbres. voilà un paysage
selon ton goût; un paysage fait avec la lumière et le minéral, et le liquide pour les
réfléchir!"
Die Hauptfigur Des Esseintes aus Joris-Karl Huysmans' Roman A rebours (1884)
fasst den Spruch, den Baudelaire dem Prosagedicht mitgibt, wortwörtlich auf: 'Anywhere
out of the world'. Er zieht sich in eine komfortabele Einsiedlerwohnung zurück und
betrachtet das Künstliche als das Kennzeichen menschlicher Vernunft.
"Die Natur hat ihre Zeit gehabt. Durch die ekelerregende Gleichförmigkeit des
Himmels und der Landschaft hat der aufmerksame, feine Beobachter endgültig genug von ihr.
Welch eine große Unbedeutendheit, als wäre sie ein Spezialist, der nur alles vom eigenen
Fach weiß; sie ähnelt der jämmerlichen Engstirnigkeit einer Ladenbesitzerin, die nur
einen einzigen Artikel verkauft; welch ein eintöniges Kaufhaus von Wiesen und Bäumen,
wie sind Berge und Seen doch banal eingeteilt! [...]
Wirklich, die Bewunderung aller wahren Künstler für diese ewige alte Nörglerin ist
verschwunden, und die Zeit ist da, wo sie, wo es nur möglich ist, durch das Künstliche
ersetzt werden soll."
Des Esseintes lässt Blumen aus Edelsteinen anfertigen, betrachtet einen Abendhimmel mit
Schnee als handelte es sich um Kunsthermelin und transformiert allmählich seine
'Schwäche': seine Liebe zu Blumen. Zuerst hat seine natürliche (!) Neigung zum
Künstlichen ihn dazu gebracht, die wirkliche Blume zugunsten ihrer Kopie zu
vernachlässigen, und hat er Kunstblumen anfertigen lassen. Dann will er natürliche
Blumen, die genauso aussehen wie unechte und wendet er sich an spezialisierte
Blumenzüchter: 'in ein paar Jahren kann der Mensch eine Selektion durchführen, welche
die langsame Natur erst nach Jahrhunderten zustandebringen kann; in dieser Zeit sind die
Blumenzüchter bestimmt die einzigen und wahren Künstler'. Das Abnormale, hatte de Sade
schon im 18. Jahrhundert geschrieben, beweist die Überlegenheit des Menschen über die
Natur. Wer Des Esseintes jedoch als Schwerneurotiker abstempelt, sollte bedenken, dass
heutige Wissenschaftler (zum Beispiel in der Biotechnologie) und die Entwerfer einer
virtuellen Realität in ihren Denkbildern nicht so weit von ihm entfernt sind.
Der junge Paul van Ostaijen, genau wie Des Esseintes ein dekadenter Dandy, teilt die
Vorliebe von Baudelaire und Huysmans für das Künstliche. Der Sonnenuntergang, den er
beschreibt, ist in der Stadt zu sehen. Im Gegensatz zu dem, was Heine der jungen Dame zu
erklären versuchte, geht die Sonne, wenn es von ihm abhängt, endgültig unter.
Abenddämmerung
Nun ist von kalifornischem Gold die Zeit;
Die sterbende Sonne sammelt
Ihre Kräfte für eine weite Fahrt,
Die letzte dieses Tages, zur Erde hin.
Dort hat die Sonne ein letztes Mal
Ihre sterbensfade goldene Pracht
Gesammelt in einem gläsernen Straßenbahnportal.
(Music hall, 1916)
Baudelaire sagte es schon: 'Ich liebe Sachen, die man nie ein zweites Mal sehen wird.'
Schuldige Landschaft
Die Abkehr von der Natur bekommt im 20. Jahrhundert Unterstützung aus
einer Ecke, die nichts mit der 'splendid isolation' der Dandys oder Dekadenten zu tun hat
- die gesellschaftlich engagierten Autoren. Sie sind zwar keine Gegner der Natur, finden
aber, dass man mit ihr aufpassen soll; sie wenden sich auf jeden Fall gegen kritiklose
Bewunderung. Bertolt Brecht formuliert im Gedicht An die Nachgeborenen
(1939) – seinem im dänischen Exil geschriebenen geistigen Testament – seinen Vorbehalt: 'Was sind
das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein
Schweigen über so viele Untaten einschließt.' Der Perspektivwechsel ist auffällig: Die
Aufmerksamkeit gilt dem Menschen, der spricht oder schweigt, die Natur ist bloß
Gegenstand.
Auch abgesehen von den Naziverbrechen äußert Brecht sein Misstrauen
gegenüber der Nachgiebigkeit der Natur, die nicht zwischen Gut und Böse unterscheidet: Von
der Willfährigkeit der Natur, ein Gedicht aus der Hauspostille (1927):
"Ach, dem Mann, der das Kind mißbraucht hinterm Dorfe
Neigen sich Ulmen noch mit schönem und schattigem Laub.
Und es empfiehlt eure blutigen Spuren, ihr Mörder
Unserm Vergessen der blinde, freundliche Staub."
Man darf laut Brecht die Natur nicht vom Menschen getrennt betrachten,
sie nicht von der gesellschaftlichen Realität loslösen. In den Spuren von Marx und
Engels, die in ihren Briefen von der 'Antiphysis' reden (und dabei selber Auguste Comtes
Begriff der 'Anti-Natur' nachfolgten), hegt Brecht das Ideal einer menschlichen Ordnung,
die den blinden Mechanismen, Irrungen und Ungerechtigkeiten der natürlichen Welt
diametral entgegengesetzt ist. Der Mensch soll selbst Naturkraft werden, und das wird er
nur durch die Arbeit.
Herr K. und die Natur
Befragt über sein Verhältnis zur Natur, sagte Herr K.: 'Ich würde gern mitunter aus
dem Haus tretend ein paar Bäume sehen. Besonders da sie durch ihr der Tages- und
Jahreszeit entsprechendes Andersaussehen einen so besonderen Grad von Realität erreichen.
[...] da haben Bäume für mich, der ich kein Schreiner bin, etwas beruhigend
Selbständiges, von mir Absehendes, und ich hoffe sogar, sie haben selbst für die
Schreiner einiges an sich, was nicht verwertet werden kann.'
(Herr K. sagte auch: 'Es ist nötig für uns, von der Natur einen sparsamen Gebrauch zu
machen. Ohne Arbeit in der Natur weilend, gerät man leicht in einen krankhaften Zustand,
etwas wie Fieber befällt einen.')
(Geschichten vom Herrn Keuner, 1930)
Auch in seinen späten Gedichten, wie den Buckower Elegien (1953), ist die Natur
nichts ohne menschliche Anwesenheit.
Der Rauch
Das kleine Haus unter Bäumen am See.
Vom Dach steigt Rauch.
Fehlte er
Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.
In der niederländischen Literatur ist es Armando, der Nietzsches Kritik am Schweigen
der Natur auf historische Situationen, insbesondere den Zweiten Weltkrieg, zuspitzt.
Verschiedene seiner Bücher (Tagebuch eines Täters, Geschichte eines Ortes,
Straße und Gestrüpp) beschreiben die Landschaft in der Nähe eines
deutschen Durchgangslagers bei Amersfoort. Auch in seinen Bildern und Zeichnungen
erscheinen die Paysages Criminels, die Beschuldigte Landschaft und die Schuldige
Landschaft.
"Wie nennt man das Meer auch wieder? Man nennt es: atemberaubend, eindrucksvoll,
überwältigend. Und das ist es, ohne Zweifel. Und furchterregend, nicht zu vergessen.
Trotzdem nenne ich es lieber rücksichtslos, rücksichtslos. Und unbarmherzig.
Lassen Sie es mich so sagen: Vielleicht ist es atemberaubend und eindrucksvoll und
überwältigend und furchterregend, weil es so rücksichtslos und unbarmherzig ist.
Aber hin und wieder finde ich es trotz oder vielleicht gerade wegen seiner
Rücksichtslosigkeit ein wenig verzweifelt, jämmerlich sogar. Das Meer ist auch nur ein
Mensch."
(Vorfälle in der Wildnis, 1994)
Werden hier nicht wiederum menschliche (jetzt negative) Eigenschaften in die Natur
hineinprojiziert – etwas, das Heine schon bestritt? Eigentlich verwenden Brecht und
Armando die Natur als rhetorischen Kniff. Die Landschaft wird zur Metapher für die
schweigende Mehrheit von Menschen, die schon hätten eingreifen können. Die Idee einer
schuldig schweigenden Natur kann nur bestehen, weil ihr eine lange Tradition
'kommunizierender' Natur vorausgegangen ist: 'Wenn die Seele hinhört, spricht alles eine
Sprache, die lebt.' (Gezelle)
Weg mit den Bildern
Die bildende Kunst hat sich in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts immer mehr von der Natur entfernt. Lässt sich noch sagen, dass die
expressionistischen und abstrakten Maler das Wesen oder die geistige Wirkung einer
Landschaft in ihren Bildern wiedergeben wollten, so ist das bei den Surrealisten schon
viel schwieriger. Einem Max Ernst oder Yves Tanguy geht es eher darum, die Natur durch
verlassene oder öde Ebenen zu ersetzen, die von allem befreit sind, was sie für den
Menschen bewohnbar machen kann und als einzige Wesen einzelne Gegenstände, Maschinen oder
evolutionäre Urformen enthalten.
Zu gleicher Zeit ist die Natur in der populären Kultur nie so oft abgebildet worden wie
heute: Ansichtskarten, Nadturdokumentarfilme, Reiseprospekte und Urlaubsfotos strotzen
davon. Welcher Film, welche Diareihe oder welches Reisevideo endet nicht mit einem
Sonnenuntergang? Natur ist dermaßen das begehrte Ziel von Touristen und
Erholungssuchenden geworden, dass man – wenn sie ein Kunstwerk wäre – von 'gesunkenem
Kulturgut' sprechen könnte, das für die Masse ausgestreut wird. Als Objekt des Tourismus
bekommt sie etwas von einem Déjà-vu, einem Klischee. Menschen reisen, wie Walter
Benjamin sagte, um irgendwo zu bewundern, was andere bewundern. Es ist klar, dass eine
solche Konsumhaltung Schriftsteller – die nach dem Ausspruch Flauberts 'alles anders sehen
wollen als die anderen Leute' – aus ihrer Reserve herauslocken muss.

Der österreichische experimentelle Autor Konrad Bayer, der sich regelmäßig aufs Land
zurückzog, 'um seinen Körper zu entgiften', nimmt in seinen fragmentarischen Roman der
sechste sinn (1964) desautomatisierende Landschaftsbeschreibungen auf. Die
Möglichkeit, dass man darüber hinwegliest, ist gerade deshalb klein, weil sie sich auf
ein Terrain begeben, wo normalerweise die gedankenlose Wahrnehmung vorherrscht.
"die landschaft, weiblicher natur, trägt lässig vier wochen vor erscheinen der
abbildungen im kalendermagazin die variationen der braunen streifen zwischen grüner
einlegearbeit und roten akzenten, von der diesjährigen herbstmode vorgeschrieben. das
parfüm ist mild und heiter, weht in goldenbergs nasenhärchen, legt sie kokett zur seite,
aber goldenberg wil nicht.
dort oben auf dem zaun, der da allmählich vorbeizieht, im grübchen der bergwange, war er
hand in hand mit seiner nina gesessen um im sonnenkino das serienprogramm 'glühende
abenddämmerung, ein erhebendes schauspiel in 28 minutenakten, für angestellte und
reifere jugend' zu geniessen. lassen wir das rosige schmalz auf der netzhaut zerfliessen,
hatte nina gesagt, mit baumelnden beinen die stunden des glücks zuendetickend."
In diesem kurzen Fragment kommen alle vorher berührten Aspekte eines problematischen
Naturerlebens zusammen: die Vermenschlichung der Landschaft, die wie eine kokette, nach
der Herbstmode gekleidete Dame, den Menschen verführen will, das Déjà-vu, die
mechanische Wiederholung, die blinde Schwärmerei, die Beschimpfung des Klischees (Schmalz
= Fett, aber auch etwa ein sentimentaler Schlager). Projektion gibt es noch in einem
anderen Sinne, buchstäblich: Der Sonnenuntergang wird wie ein billiger Film auf die
Leinwand von Goldenbergs und Ninas Gesichtsfeld projiziert. Genauso wie in der modernen
Physik wird der Beobachter ins Beobachtungsfeld einbezogen, um einen bewusstzumachen von
den Bildern, die man konstruiert.
Das (fast hätte ich geschrieben 'natürliche') Bedürfnis an 'connaturalitas', d.h.
Harmonie zwischen Mensch und Natur, nimmt Bayer an einer anderen Stelle aufs Korn:
"goldenberg war in einklang mit den dingen. als er vors haus ging sein wasser
abzuschlagen, öffnete der himmel seine schleusen, und gemeinsam erfrischten sie die erde
und ihre leuchtenden blumen."
Damit scheint das westliche Naturerlebnis endültig ernüchtert zu sein: 'weg mit den
bildern' lautet einer der letzten Sätze des Romans, 'sie taugen alle nichts'. Was man von
der Natur sagt, ist man selber. Innen- und Außenwelt sind unlösbar verbunden, ein
unbefangenes Naturerlebnis ist eine fromme Illusion. Bayers Beschreibung erinnert an das
Bild Le soir qui tombe (1964) von René Magritte, das zeigt, wie ein
Sonnenuntergang ein Fenster - unser Bild der Wirklichkeit - in Scherben schießt.
Was bleibt übrig? Ein wortloses Genießen der Natur, das sich nicht mehr artikuliert? Ton
Lemaire nennt es in seiner Philosophie der Landschaft (1970) das Ideal. 'Die
reinste Begegnung mit der Landschaft [...] wäre die schweigsame Koexistenz des Wanderers
mit seiner Umgebung, und insbesondere das betrachtende Genießen einer Fernsicht.'
Wir kennen aber die Kritik Nietzsches und - nach Brecht und Armando - das Risiko, das
Passivität bedeutet. Ein schweigender Dichter taugt nur als Standbild. Trotzdem reden
also, wie in einer zweiten Unschuld, nachdem man - mit Hilfe 'satanischer' Autoren wie
Baudelaire und Huysmans - vom Baum der Erkenntnis gegessen hat. Vielleicht verbirgt sich
darin eine neue, befreiende Chance. Die Natur, das andere, anders sein lassen. Sie
anerkennen, ohne dass man sie einverleibt, aber auch ohne sich selbst auszuschließen. Sie
mit neuen, anderen Worten beschreiben, zum Beispiel als eine
Soft machine
Wald
das donnern eines tropfens
getöse eines fallenden blattes
gekrache wachsender farne, grases
Brüllender gesang von vögeln
gellende insekten
niesende schnecken
keuchende rampen
knirschende würmer
Wurzeln schnappen in den himmel
baumwipfel beißen einander in den schwanz
hügel sinken
kühle schwingungszahl
atem echo des schattens
Der wald paart
stille gerinnt
blumen schleichen auf stelzen
Jemand hinterließ seine füße
im moos
jemand vergaß sein herz in baumrinde
(Lizzy Sara May, Demnächst in diesem Theater, 1984)
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