Patricia Görg, Glücksspagat

Für einen Textauszug aus ihrer Erzählung Glücksspagat
(Berlin Verlag, 2002), den sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb vorlas, erhielt Patricia Görg 1999 das erste Telekom Austria-Stipendium. Patricia Görg, die 1960 in Frankfurt am Main geboren wurde, studierte Theaterwissenschaft, Soziologie und Psychologie und lebt nun als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie hat zahlreiche Essays für Zeitungen und Rundfunk geschrieben sowie Hörspiele verfasst, von denen einige ausgezeichnet wurden. Ihre Erstlingserzählung, die man früher als Novelle bezeichnet hätte, weist gleichzeitig einen starken Gegenwarts- und einen starken Vergangenheitsbezug auf. Das gemeinsame Element ist die Bildkultur, in der wir leben. An erster Stelle denkt man dabei ans allgegenwärtige Fernsehen, das den Abenden vieler Zeitgenossen Sinn gibt, und sei es nur als "das einzige Schlafmittel, das man durch die Augen einnimmt". Bei Görgs Hauptfigur Maat kommen alte Bilder hinzu: die mittelalterlichen Tafelbilder im Museum, mit deren Aufsicht er seit 40 Jahren betreut ist.

Maat is ein welftremder, kontaktarmer, ergrauter Museumswärter. Er "scheitelt seine Wünsche, bis sie eng am Kopf anliegen, so eng, daß man sie nicht erkennt" (9-10). Tagsüber lebt er ganz für seine Arbeit, die er aufs penibelste ausführt. Sein Rundgang in den ihm anvertrauren Sälen ist so berechenbar, dass seine Kollegen in mit der Bahn eines Planeten vergleichen. Maat ist dermaßen mit den Bildern in der Sammlung Mittelalter vertraut, dass sie für ihn Leben gewinnen, ja sogar lebendiger sind als seine eigene Umwelt. Abends legt er sich zu Hause aufs Sofa und schaut sich die Spielshow 'Glücksspagat' an, ein buntes Gewinnspiel, in dem Kandidaten von einem flotten Spielleiter und dessen bezaubernden Assistentinnen angetrieben werden, mit Rätselraten und allerhand tollkühnen Proben ihr Glück zu versuchen und Traumreisen, Haushaltsgeräte und andere Segnungen der Konsumgesellschaft zu erlangen. Am Tag, der in dieser Erzählung ausführlich beschrieben wird, erfährt Maat vom Museumsdirektor, dass er nicht länger gebraucht wird. In seinem Kopf vermischen sich die alten und die neuen Bilder, bis letztere immer ferner rücken zugunsten der Tafelbilder, in deren "Goldgrund angehaltener Zeit" er zum Schluss eingeht.


Der Erzählstoff mag für einen hundert Seiten langen Prosatext etwas dürftig und langweilig anmuten – gibt es einen monotoneren Beruf als der eines Museumswärters? –, trotzdem zieht diese Erzählung den Leser von Anfang an in ihren Bann, wird schnell sogar spannend und faszinierend. Dies ist vor allen Dingen Patricia Görgs lakonischer Erzählweise zu verdanken. Sie beschränkt sich auf äußerlich Wahrnehmbares, das sie kühl registriert und meistens ohne Kommentar aufzeichnet. In dieser Hinsicht zeigt die Erzählperspektive Verwandtschaft mit dem Kamera-Auge des nouveau roman. Zugleich unterstreicht es die Tatsache, dass alle Fragmente, aus denen sich die Erzählung zusammensetzt, Bilderfolgen sind – die Texte, welche von Maats Alltag erzählen, genauso gut wie die beschriebenen Fernsehbilder und die Tafelbilder. Der Leser wird herausgefordert, die einander abwechselnden Passagen in Beziehung zu setzen und sie gegeneinander abzuwiegen. Es kommt fast keine direkte Rede in der Erzählung vor, eine Parallele nicht nur zu Maats schweigsamer Art, sondern auch zu den schweigenden Darstellungen der alten Gemälde. Dieses Schweigen kontrastiert außerdem mit dem nichtssagenden Gerede in der Spielshow oder der Kollegen am Arbeitsplatz, und es findet sein Pendant in der zur Kulisse erstarrten bundesdeutschen Außenwelt, aus dem trotz bunter Werbeplakate und des Tankstellenlichts alles Leben verschwunden scheint. "Maat geht. Gleichförmig wird die Kulisse an ihm vorbeigezogen. Er kann die eigenen Schritte nicht hören. Autotüren schlagen. Markstücke springen aus Einkaufswagen. An den Ampeln pulsiert ein metallischer Ton für die Blinden." (7)

 

Maat kommt sich manchmal wie "der letzte Mensch" vor, einer der wenigen, die sich noch mit der Jahrhunderte alten Weisheit der christlichen Heilsgeschichte verbunden fühlt. Durch seinen jahrelangen Umgang mit den Tafelbildern beleben sich die darauf abgebildeten Szenen und Figuren aus dem Alten und dem Neuen Testament. Das erste der über fünfzehn in Glücksspagat beschriebenen Gemälde stellt den Besuch der Königin von Saba bei Salomo dar. (Der Umschlag zeigt einen Ausschnitt dieses um 1435/37 entstandenen Bildes von Konrad Witz. Wie man annehmen darf, sind auch die anderen hier evozierten Gemälde historisch, obwohl sie nicht weiter identifiziert werden.) Es liefert den Schlüssel zum Verständnis dieser Erzählung. Die Königin von Saba ist von weither gekommen, um den weisen König Salomo mit Rätselfragen zu prüfen. "Besser eine Hand voll mit Ruhe, sagt Salomo, als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind. [...] Alles Mühen der Menschen, sagt Salomo, ist für seinen Mund, aber sein Verlangen bleibt ungestillt." (17) Beeindruckt durch seine Weisheit, überreicht ihm die Königin einen goldenen Kelch. "Die linke Hand des Königs streckt sich danach aus, liegt in der Mitte des Bildes, vor dem Goldgrund angehaltener Zeit, mit der Händfläche nach oben, so daß der Tau sich darin sammeln kann, und die Luft. Er greift nicht nach dem Kelch. Er hält seine Hand in der Schwebe." (17-18). Die Szene bildet den absoluten Gegensatz zu den zahlreichen ähnlich detailliert beschriebenen Handlungen aus dem Gewinnspiel 'Glücksspagat', das die Autorin den immer noch laufenden, ein Millionenpublikum faszinierenden realen TV-Sendungen 'Glücksrad' und 'Geh aufs Ganze!' (Kabel1) nachmodelliert hat. In der Fernsehshow ist das 'Glück'  für die Kandidaten greifbar nah. "Er sah Menschen, die 10.000 Mark bekamen, weil sie den Preis einer Dose Kondensmilch errieten." (70) Hier winkt das Glück als Gewinn, ein wenig Geschick und eine glückliche Wendung des Rads der Fortuna lösen das Versprechen in Form eines Himmelbetts, eines Geländewagens oder eines Koffersets aus Aluminium ein. Dass weder Geld noch sonstiger Besitz glücklich machen, ist etwas, das die Kandidaten gewiss erst nach Erhalt ihrer Preise, außerhalb der Fernsehsendung erfahren werden. Dass die Konsum-Euphorie die nagende Leere ihres Alltagslebens stillen soll, geht aus den kurzen Beschreibungen der Fahrt zum Studio und den, vermutlich von Maat hinzugedachten, befremdenden Momenten hervor, an denen die Kandidaten in der Show dem Spielleiter etwas von sich selber, "eine wahre Geschichte" oder einem Traum, erzählen sollen. Eine Frau erinnert sich, wie sie nachts ihr gerade geborenes nacktes Kind, das in einem Einkaufswagen lag, auf der Autobahn schob. Sie "wußte nicht, wohin" (30). Die Reaktion des Spielleiters spricht Bände: "Das war phantastisch! Sie haben vier runderneuerte Winterreifen gewonnen!" (31) Eine andere Kandidatin soll den Traum erzählen, der sich in ihr verklemmt hat. Sie träumt, sie sei eine Gebärende, die in einer Landschaft voller Geröll, unter grauem Himmel, laufend Kinder gebärt. "Plötzlich sehe ich, daß ich es selbst bin, die auf einem Gestell liegt. Ich bevölkere die Erde. Ich sehe mir selbst beim Gebären zu. Ich warte darauf, auch einen Erlöser zu schenken." (48) Maat denkt manchmal (so eine der expliziten Hinzufügungen der Erzählerin, welche die Geballtheit der Erzählung ein wenig abschwächen) "dass die [raffgierigen] Hände [der Kandidaten], die durch seinen Feierabend zucken, ohne es zu wissen nach den alten Bildern suchen." (37)

 

Tatsächlich zeigt die kontrapunktische Struktur in ihrer Abwechslung neuer Fernsehbilder und alter religiöser Bilder einerseits wie hohl eine Spaßgesellschaft geworden ist, in der der einzig erhaltene Konsens die Ideologie des Konsums betrifft, andrerseits wie hoch das Bedürfnis an menschlicher Sinngebung in einem 'aufgeklärten', postmetaphysischen Zeitalter ist. Ein weiteres wirksames Strukturprinzip der Erzählung besteht darin, dass die scheinbar statischen Tafelbilder durch Maats Blick auferweckt und dynamisiert werden, während die beweglichen Bilder der Spielshow durch ihren klischeehaften und falschen Trubel im Leerlauf erstarren. Trotz seines unscheinbaren gesellschaftlichen Status, trotz seiner Charakterdürre wird Maat zu einer unzeitgemäßen Identifikationsfigur, deren Sensibilität, Offenheit und Beharrlichkeit den Leser auf unerwartete Weise bestechen. Patricia Görg hat diese nur scheinbar simplistische, vorwiegend in knappen Hauptsätzen und im Präsens geschriebene, mit zahlreichen Anaphern und sonstigen Wiederholungen arbeitende Erzählung durch Scharniere und Spiegeleffekte bestürzend vielschichtig gemacht. Ihr metaphernreicher Stil färbt auch die banalen Fernsehereignisse mit dem Abglanz des, freilich pervertierten, Heilsversprechens: Der Spielleiter 'strahlt', die Assistentinnen wirken 'engelhaft', die farbigen Trickeffekte der Sendung erinnern an die Schöpfungsgeschichte und den Farbenreichtum der fünfhundert Jahre alten Gemälde. Allerdings ist das Paradies bloß ein 'Gewinnparadies' für die Sieger, die 'Hölle' der Ort der Verlierer. Als der Museumsdirektor Maat dessen bevorstehende Entlassung mitteilt, wirkt er auf ihn wie der Teufel, der Jesus in der Wüste versucht und ihm Steine für Brot ausgeben will. Es ist das Verdienst der Autorin, dass sie eine heutige Realität und Mentalität (Fernsehen, Konsumbefangenheit) sowie eine im Modernisierungsstreben fast untergegangene Tradition (religiöse Heilslehre, mittelalterliche Kunst) nicht nur literaturfähig macht, sondern auch in ihrem unverbrauchten Sinnpotential aktualisiert. Die eindringliche Sprachkraft und der literarisch verarbeitete Gedankenreichtum dieses Debüts berechtigen zu großen Hoffnungen.

 

Erik de Smedt
Erstveröffentlichung in: Focus on German Studies (Cincinnati), vol. 9 (2002), p. 215-219


Umschlag 'Glücksspagat' (P. Görg)